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  • AutorenbildJulia Schallberger

Kolumne Gedankenstrich: Sehkarten von Lenz Klotz

Aktualisiert: 7. Nov. 2023

Erschienen im Wochenblatt, am 26. Oktober 2023


Es ist ein kühler Morgen im Herbst. Die Leute drängen sich in den Bus, der von Nuglar ins Oristal hinunterfährt. Es liegt Nebel. Kaum jemand unterhält sich oder blickt aus dem Fenster. Einzelne haben ein Buch aufgeschlagen – die meisten aber schauen aufs Handy oder folgen den Schlagzeilen auf dem Anzeigescreen.


Apps, Google-Maps und Social Media weisen uns den Weg

So navigieren wir uns durch die Tage und Wochen. Neben menschlichen Begegnungen und analogen Medien, die unser Handeln beeinflussen, suchen wir auf Bildschirmen und im digitalen Raum nach Antworten: Apps, Soziale Medien, Online-Kalender, digitale Fahrpläne und Karten weisen uns den Weg und erleichtern uns das Suchen und Finden. In unseren Köpfen sammeln sich zahlreiche Bilder und Informationen an. Bald schon sehne ich mich jeweils nach einem physischen Kontrastprogramm und einem konzentrierteren, genussvolleren Sehen und Wahrnehmen.


Ausstellung "Sehkarten" von Lenz Klotz, in der Alten Brennerei in Nuglar

Fündig werde ich in der Alten Brennerei in Nuglar. Bis Ende November läuft hier die Ausstellung «Sehkarten» von Lenz Klotz. Harmonisch und zugleich spannungsvoll bespielen rund 35 Werke von Lenz Klotz (1925–2017) den Gastraum des Restaurants, sowie den Kulturraum im Kellergeschoss. Mein Blick gleitet über Zeichnungen, Druckgrafiken, Bilder, Reliefs und Skulpturen. Allesamt zeichnen sich durch abstrakte Netzgebilde aus. Flache, sowie Körper gewordene Linien spannen, biegen und überkreuzen sich. Neben filigranen Zeichnungen begegne ich dreidimensionalen Holz-, Glas- und Bronzereliefs, die in den Raum ragen oder mobileartig von der Decke hängen. Bambusstäbe sowie aufgespannte Stoffe und Japanpapiere lassen mich an Drachen denken.


Inspirationsquelle: Polynesische Seekarten

Ich erfahre, dass der Bündner Künstler seine Inspiration in den 1950er Jahren im naturhistorischen Museum Basel fand. Dort lernte er die polynesischen See- und Stabkarten kennen. Vor vielen Jahrhunderten hatten die aus Peddigrohr- und Bambusgeflechten geformten Gebilde den Südsee-Insulanern mit ihren Auslegebooten zur Orientierung und Navigation auf See gedient. Mit Muscheln und Perlen verknüpft, verrieten sie Informationen über Wellengang, Wind- und Wasserströmungen. Als erster Europäer hatte sich der Seefahrer und Kartograf James Cook (1728–1779) mit diesem kryptischen Kartensystem auseinandergesetzt.


Die Sehschule von Lenz Klotz oder: der Weg ist das Ziel

Lenz Klotz hatte die Ästhetik der Seekarten ab den 1960er Jahren in seine Kunst überführt. Die Linie, für die er sich schon immer interessiert hatte, lotete er mit den «Sehkarten» in verschiedenen Gattungen und Techniken aus. Anders als bei den See-Karten, geht es bei diesen Karten nicht um das Erreichen eines Ziels. Sie verwehren sich jeglicher Entschlüsselung, bleiben abstrakte Andeutung. Doch machen sie den Weg des künstlerischen Prozesses sichtbar – sprich das virtuose Durchspielen einer Idee. Zudem schulen die Seh-Karten unseren Blick: mit meinen Augen ertaste ich die variablen Linienläufe und Texturen. Ich werde mir der Unterschiede bewusst, entdecke aber auch wiederkehrende, geheimnisvolle Formen wie etwa die Pyramide. Angenehm geleitet und geführt, doch im Geist befreit und inspiriert, verlasse ich die Ausstellung.


Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. November 2023. Anmeldungen zur Finissage mit Art-Dinner: www.altebrennerei.ch


Julia Schallberger, Oktober 2023

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